Die Sache mit dem Annehmen – oder: Haare werden überbewertet.

Im Yoga ist ja immer wieder die Rede davon, dass wir uns so lieben sollen, wie wir sind, dass wir Dinge im Alltag, die uns stören, nicht so wichtig nehmen, sondern dankbar dafür sein sollen, was wir haben.
Wir sollen einfach annehmen, was kommt.

Das ist für die meisten von uns relativ einfach:
Wir haben genug zu essen, ein Dach über dem Kopf, wir können uns einiges an Luxus leisten und so ziemlich jeden Aspekt unseres Lebens so gestalten, wie wir es möchten.
Wenn wir uns zu dick fühlen, können wir entscheiden, abzunehmen, wenn wir einen neuen Job wollen, suchen wir uns einen, wenn wir krank sind, versorgt uns ein tolles medizinisches System.

Zugegeben, ich geh da jetzt ganz einfach von mir aus –
die Sache mit dem Annehmen war für mich bis vor kurzem eine rein hypothetische.
Meine Hüften sind nicht so toll? Ok, damit kann ich sehr gut leben.
Ich hab einige Allergien? Stimmt, aber keine davon ist lebensbedrohlich.
Ich finde mich manchmal zu üppig und meine Hüften zu breit?
Ich könnt auch einfach zufrieden sein:

Wenn ich also im Yogaunterricht davon spreche, dass wir uns selbst annehmen sollen, dann tu ich mir damit recht leicht –
immerhin hatte ich bisher keine Ahnung, was es heißt, etwas wirklich annehmen zu müssen.

Das hat sich allerdings vor einer Woche – ausgerechnet im Urlaub – schlagartig geändert.
Denn einfach so, völlig überraschend, hab ich nach dem Duschen entdeckt, dass ich Alopecia areata habe, kreisrunden Haarausfall. Dabei handelt es sich um eine Autoimmunerkrankung, genauer gesagt um entzündlichen Haarausfall, der weitgehend unerforscht ist und für den es keine Behandlung gibt.
Ich hab momentan einen kleinen haarlosen Kreis, es können aber mehrere werden –
im schlimmsten Fall weitet sich die Krankheit auf den ganzen Körper aus.


Zugegeben:

Ich bin generell kein großer Haar-Fan, finde meine Haare nicht super, aber immerhin ok, und überleg jeden Sommer, ob ich mir aus praktischen Gründen nicht vielleicht doch den Kopf rasieren soll, weil mich Haare im Sommer nerven und ich im Winter ohnehin nie ohne Haube anzutreffen bin –
es ist aber eine ganz andere Liga, wenn aus diesen eigentlich scherzhaften Überlegungen plötzlich Wirklichkeit wird.
Denn eins ist sicher:
Sollte ich mehr als zwei solcher Stellen entdecken, dann greif ich zum Rasierer.
Mehrere Glatzen an verschiedenen Stellen sind keine Option für mich …
dann lieber Vollglatze, cooles Styling und noch mehr Hauben als bisher.

Auch wenn das (ganz ehrlich) kein Riesending für mich ist:
Plötzlich weiß ich, wie das mit dem Annehmen ist –
wenn man keine andere Wahl hat, als das anzunehmen, was auftaucht, weil es keine andere Option gibt.
Wenn man sich täglich im Spiegel betrachtet und sich unweigerlich fragt: Wie werd ich mit Glatze aussehen? Und wann werd ich das herausfinden?
Wenn man lernen muss, mit der Unwissenheit zu leben, wie es weitergeht, ob es weitergeht.
Auch wenn es nicht lebensbedrohlich ist.

Ich werd mich im Herbst wieder in jeder Yogastunde mehrfach vor- und verbeugen, und während ich das mache, werden meine Yogi/nis auf meine kleine Glatze blicken –
mit ein Grund, warum ich die Erkrankung nicht geheimhalten und verstecken werde, sondern offen darüber rede:
Momentan sieht es zwar keine/r, aber das kann sich ändern –
ganz dramatisch sogar.

Nicht umsonst hat mich mein Hausarzt gefragt, ob ich psychologische Betreuung möchte (und sich dann gleich selbst verbessert: ‚Nein, Sie nicht, das ist gut zu wissen.‘) –
Haarausfall ist ja gerade für Frauen ein Riesenproblem.

Doch ich werde nicht zulassen, dass es zu einem Riesenproblem wird.
Ich werde das vermutlich erste Mal in meinem Leben etwas wirklich als unabänderbar annehmen (müssen).
Ich werde tief einatmen und wieder ausatmen –
jedes Mal, wenn es mich fertig macht, wenn ich traurig bin, wenn ich mich frage: Warum ich?

Und ich werde mir immer und immer wieder sagen, dass meine Haare mich nicht zu der Person machen, die ich bin –
und dass ich mit kleiner Glatze immer noch dieselbe bin.

#Namaste!

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