Schwurbelkram mag ich nicht – oder: Warum muss es immer Zauberei sein?

Ein knappes Monat hab ich jetzt meine kleine Glatze, die durch Alopecia Areata, den kreisrunden Haarausfall, verursacht wurde.
Das Einzige, das sich seitdem verändert hat, ist meine Haarfarbe.

Ich hab seit vielen Jahren meine eigentlich mausbraunen Haare gefärbt …
meistens blond, manchmal rot oder braun. Gerade das blondieren ist aber sehr schlecht für die Haare, das möchte ich ihnen nicht mehr antun.
Also hab ich die Packung Henna geschnappt, die ich noch im Badezimmer stehen hatte, und als Start in den September meine blondgrauen Haare kurzerhand braun gefärbt.
Mit gutem Gewissen, denn Henna gilt als besonders gesund für Kopfhaut und Haare –
man merkt wirklich, wie dick und gesund sie sich danach anfühlen, und ich muss mich noch nicht mit grauen Haaren abfinden.
(Dazu bin ich leider zu eitel.)

September ist übrigens Alopecia Awareness Month
eine spannende Sache, weil ich dadurch viele Menschen kennenlerne, die darunter leiden, weil ich lerne, wie sie damit umgehen …
und leider auch, was sie alles machen, damit die Haare wieder sprießen.

Denn wie immer, wenn Menschen unter etwas leiden, für das es keine echte Therapie gibt, kommen jene aus ihren Löchern gekrochen, die daraus Profit schlagen wollen.

Ich habe Menschen kennengelernt, die Globuli aller Art zu sich nehmen, in diversen Mischungen. Ich bin aber nicht sicher, ob Zucker wirkungsvoll gegen entzündlichen Haarausfall ist.
Dann sind da Menschen, die Schüssler Salze einnehmen, auch in diversen Mischungen. Hier stellt sich ebenso die Frage: Was genau soll der Zucker für die Haare tun?
Andere schmieren sich allerlei Seren, Öle oder spezielle Mischungen auf die haarlosen Stellen. Klettenwurzelöl etwa –
das mach ich übrigens auch, aber einfach nur, weil die Stelle manchmal trocken ist und dann juckt, und weil es für die Psyche gut ist, etwas zu tun.
Dass Klettenwurzelöl von außen hilft, wenn mein Immunsystem meine eigenen Haarewurzeln angreift, ist aber nur Wunschdenken.
Viele diese Mittel und Seren kosten ein Vermögen, ebenso die Pillen, die man dazu einnehmen muss …
und nichts davon gilt aus medizinischer Sicht als wirkungsvoll.

Sämtliche Ärzt/innen, mit denen ich gesprochen habe, raten davon ab, allerhand teure Mittel zu schmieren oder einzunehmen, weil keins davon wirkt. Höchstens eine Psychotherapie wurde mir empfohlen, falls der Haarverlust mich psychisch belastet (was er nicht tut).
(Ich bin übrigens stark dafür, dem eigenen Arzt oder der Ärztin zu glauben, anstatt den Ausführungen auf einer Website, die mir etwas verkaufen möchte. Die Ärzte haben ja alle keine Ahnung – diesen Satz hab ich schon mehrmals gehört und jedes Mal vehement widersprochen.)

Natürlich liegt es in der Natur der Sache, dass Menschen etwas tun wollen –
das Problem ist nur:
Jedes dieser Mittelchen, die mir in den letzten Wochen untergekommen sind oder empfohlen wurden, ist wirklich teuer.
Die Hersteller verlassen sich darauf, dass die Erkrankten so verzweifelt sind, dass sie trotzdem zugreifen –
und das tun ja auch viele. Was bei kreisrundem Haarausfall, der vor allem ein kosmetisches Problem ist, nicht so tragisch ist, kann bei einem echten gesundheitlichen Problem aber gefährlich werden, denn:
Alternativmedizin wirkt nicht, sie lebt allein vom Glauben der Menschen.

Eins der Mittel, das mir eine Freundin empfohlen hat – ein Serum zum Auftragen auf die haarlose Stelle –, hat im Beipackzettel folgenden Satz stehen:
Erste mögliche Erfolge sind nach einer Anwendungsdauer von sechs bis zwölf Monaten sichtbar.

Das ist exakt jener Zeitraum, in dem sich bei den meisten Betroffenen vollkommen ohne Zutun ein neuer Flaum auf der Glatze bildet.
Spannend, nicht wahr?
Oder eher: Ziemlich gemein.

Was ich empfehle?
Yoga.
Klingt komisch, ist aber so, denn:

Das Einzige, was ich tun kann, ist, die Sache anzunehmen.
Mich anzunehmen, so wie ich bin, mit meiner kleinen Glatze.
Die Erkrankung anzunehmen, das Wissen, dass der Haarausfall mehr werden kann.
Tief durchzuatmen und mich nach jeder Yogapraxis dafür zu bedanken, dass ich eigentlich gesund bin, dass ich eine so tolle Familie habe, die mich unterstützt und auch ohne Haare lieb hat, dass ich Freund/innen habe, denen es egal ist, ob unter der Haube Haare sind oder nicht.

Lass dir nicht einreden, dass du selbst schuld bist an dieser Erkrankung.
Lass dir nicht einreden, dass nur dieses oder jenes Zaubermittel wirkt, zu einem wahnsinnig hohen Preis.
Nimm dir Zeit für dich, versuche Stress abzubauen und zu dir selbst zu finden.
Und vergiss nicht:
Du bist toll, mit oder ohne Haaren!

#Namaste

 

Die Sache mit dem Annehmen – oder: Haare werden überbewertet.

Im Yoga ist ja immer wieder die Rede davon, dass wir uns so lieben sollen, wie wir sind, dass wir Dinge im Alltag, die uns stören, nicht so wichtig nehmen, sondern dankbar dafür sein sollen, was wir haben.
Wir sollen einfach annehmen, was kommt.

Das ist für die meisten von uns relativ einfach:
Wir haben genug zu essen, ein Dach über dem Kopf, wir können uns einiges an Luxus leisten und so ziemlich jeden Aspekt unseres Lebens so gestalten, wie wir es möchten.
Wenn wir uns zu dick fühlen, können wir entscheiden, abzunehmen, wenn wir einen neuen Job wollen, suchen wir uns einen, wenn wir krank sind, versorgt uns ein tolles medizinisches System.

Zugegeben, ich geh da jetzt ganz einfach von mir aus –
die Sache mit dem Annehmen war für mich bis vor kurzem eine rein hypothetische.
Meine Hüften sind nicht so toll? Ok, damit kann ich sehr gut leben.
Ich hab einige Allergien? Stimmt, aber keine davon ist lebensbedrohlich.
Ich finde mich manchmal zu üppig und meine Hüften zu breit?
Ich könnt auch einfach zufrieden sein:

Wenn ich also im Yogaunterricht davon spreche, dass wir uns selbst annehmen sollen, dann tu ich mir damit recht leicht –
immerhin hatte ich bisher keine Ahnung, was es heißt, etwas wirklich annehmen zu müssen.

Das hat sich allerdings vor einer Woche – ausgerechnet im Urlaub – schlagartig geändert.
Denn einfach so, völlig überraschend, hab ich nach dem Duschen entdeckt, dass ich Alopecia areata habe, kreisrunden Haarausfall. Dabei handelt es sich um eine Autoimmunerkrankung, genauer gesagt um entzündlichen Haarausfall, der weitgehend unerforscht ist und für den es keine Behandlung gibt.
Ich hab momentan einen kleinen haarlosen Kreis, es können aber mehrere werden –
im schlimmsten Fall weitet sich die Krankheit auf den ganzen Körper aus.


Zugegeben:

Ich bin generell kein großer Haar-Fan, finde meine Haare nicht super, aber immerhin ok, und überleg jeden Sommer, ob ich mir aus praktischen Gründen nicht vielleicht doch den Kopf rasieren soll, weil mich Haare im Sommer nerven und ich im Winter ohnehin nie ohne Haube anzutreffen bin –
es ist aber eine ganz andere Liga, wenn aus diesen eigentlich scherzhaften Überlegungen plötzlich Wirklichkeit wird.
Denn eins ist sicher:
Sollte ich mehr als zwei solcher Stellen entdecken, dann greif ich zum Rasierer.
Mehrere Glatzen an verschiedenen Stellen sind keine Option für mich …
dann lieber Vollglatze, cooles Styling und noch mehr Hauben als bisher.

Auch wenn das (ganz ehrlich) kein Riesending für mich ist:
Plötzlich weiß ich, wie das mit dem Annehmen ist –
wenn man keine andere Wahl hat, als das anzunehmen, was auftaucht, weil es keine andere Option gibt.
Wenn man sich täglich im Spiegel betrachtet und sich unweigerlich fragt: Wie werd ich mit Glatze aussehen? Und wann werd ich das herausfinden?
Wenn man lernen muss, mit der Unwissenheit zu leben, wie es weitergeht, ob es weitergeht.
Auch wenn es nicht lebensbedrohlich ist.

Ich werd mich im Herbst wieder in jeder Yogastunde mehrfach vor- und verbeugen, und während ich das mache, werden meine Yogi/nis auf meine kleine Glatze blicken –
mit ein Grund, warum ich die Erkrankung nicht geheimhalten und verstecken werde, sondern offen darüber rede:
Momentan sieht es zwar keine/r, aber das kann sich ändern –
ganz dramatisch sogar.

Nicht umsonst hat mich mein Hausarzt gefragt, ob ich psychologische Betreuung möchte (und sich dann gleich selbst verbessert: ‚Nein, Sie nicht, das ist gut zu wissen.‘) –
Haarausfall ist ja gerade für Frauen ein Riesenproblem.

Doch ich werde nicht zulassen, dass es zu einem Riesenproblem wird.
Ich werde das vermutlich erste Mal in meinem Leben etwas wirklich als unabänderbar annehmen (müssen).
Ich werde tief einatmen und wieder ausatmen –
jedes Mal, wenn es mich fertig macht, wenn ich traurig bin, wenn ich mich frage: Warum ich?

Und ich werde mir immer und immer wieder sagen, dass meine Haare mich nicht zu der Person machen, die ich bin –
und dass ich mit kleiner Glatze immer noch dieselbe bin.

#Namaste!

* * *

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